Kein Kollektivanschluss unter dieser Nummer


AhnenFast 50 Jahre sind vergangen, seit der SED-Staat meine Mutter und Großmutter zwang, sich zu entscheiden: Entweder sie verkauften unser 200 Jahre altes Fachwerkhaus samt dem zugehörigen Grund mitten in der Stadt für einen Pappenstiel, oder sie würden enteignet. Mit Antiquitäten und großen Teilen der Bibliothek wurde ähnlich verfahren. Die beiden machtlosen Frauen gaben nach, konnten sie doch nicht ahnen, dass Enteignung die komfortable Lösung gewesen wäre: 20 Jahre später hätte sie ihnen eine “Restitution” beschert – und ein Millionenvermögen. Sie hätten kaum Zeit gehabt, in den verbleibenden Lebensjahren diese Millionen auszugeben. Als meine Großmutter 1993 starb, spielte Geld keine Rolle – wie in den Jahrzehnten zuvor. Wir nahmen voneinander Abschied in Liebe.

Mir erwuchs, weil ich vor allem ein paar für den Staat wertlose Ahnenbilder und Teile der Bibliothek über Jahrzehnte quer durch Studentenbuden, Altbauten im Prenzlauer Berg, Verstecke bei Freunden und – nach der Ausreise in den Westen – auf diversen beruflichen Wanderungen mitschleppte, ein besonderes Verhältnis zu diesem Eigentum. Es hat mit Geld viel weniger zu tun, als mit immateriellen Werten, auch mit Verpflichtungen etwa auf Traditionen einer Familie und ihr einmaliges, unverwechselbares Schicksal. Zugleich wurde ich allen kollektivistischen Argumenten, allen ideologischen Waschmaschinen im Dienste sozialistischer Weißwäscher gegenüber völlig resistent. Das Denken dahinter ist auf dem Holz des Kapitalismus gewachsen, es maskiert mit Phrasen von der (Chancen-)Gleichheit als Ziel und von verderblichen sozialen Unterschieden nur, dass Wert und Würde des Menschen auf Rechenkunststückchen, auf reine Quantitäten heruntergebrochen werden. Geld ist Macht, und Sozialisten-Kommunisten wollen über seine Verteilung bestimmen. Wie gut Kommunisten und Kapital gegenseitig ihre Macht ausbalancieren können, ist in China zu besichtigen. Die über Jahrtausende eingefahrenen Muster kaiserlicher Hierarchien, der Parteiapparat der KPCh mit seinen Subalternstrukturen begünstigen das in mancherlei Hinsicht mehr als Demokratien mit ihren Rechtswegen und sperrigen Entscheidungsprozessen.

Der eigene Lebensstil, mich keiner Art Kollektiv zu gesellen, hielt mich von der Gier nach materiellen Gütern ziemlich fern. Ich hatte erlebt, wie ein Gemeinwesen das Gewissen verliert und seine Kultur die vielgelobte Diversität, wenn das Individuum seiner Chancen beraubt wird, nicht nur über die Quantität seiner Einkünfte sondern über Qualitäten des eigenen Lebensstils zu entscheiden. Das ist den Emporkömmlingen sozialistischer Heilslehren freilich egal: Sie möchten einem die eigene Geschichte nehmen. Sie ertragen es vor allem nicht, wenn einer vorlebt, wie schön es ist, nicht mitzumarschieren. Meinen literarischen Hausgöttern, Malern, Komponisten, Architekten, Philosophen und Wissenschaftlern sei Dank verbringe ich meine Zeit weiterhin mit alten Büchern und den Reichtümern der Familiengeschichte, statt sie mir von Wahnvorstellungen der Weltenrettung durchs Kollektiv rauben zu lassen.

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