Ein irrer Duft von frischem Heu – reloaded


Auch heuer werden Herzen der DäDäÄrr-Nostalgiker wieder höher schlagen, wenn eine der erfolgreichsten Komödien aus der guten alten Zeit – von der DEFA in der Ägide des Stasi-IM- Generaldirektors Hans-Dieter Mäde 1977 verfilmt und mit einem Kritikerpreis belorbeert – Bühnen in Meckpomm zu Zeitmaschinen macht. “Ein irrer Duft von frischem Heu” half den Werktätigen, die Mangelwirtschaft zu ertragen, indem sie über leicht verrenkte, aber partei- oder sonst irgendwie fromme Schauspieler lachen durften. Die Gartenzwerge auf der Bühne passten den Riesenzwergen im Politbüro ins Konzept: folgenlose Massenbelustigung gegen wachsende Zweifel an der Heilsgeschichte des Sozialismus. Honecker, Mittag, Mielke & Co. waren 1977 zwar schon ökonomisch am Ende, aber dank Stasi, Stacheldraht und Selbstschussanlagen gegen Republikflüchtlinge immer noch im Vollbesitz der Macht. Sie entschieden: die Schulden sind erdrückend, aber die Afrikaner helfen uns vielleicht heraus, wenn wir genügend Kalaschnikows und W 50-LKW gegen Kaffee, Kohle und andere Rohstoffe eintauschen, statt harte Dollars zu zahlen. Wenn die Leute Kaffee haben und den irren Duft von kabarettistischen Knallfröschen, geht das sozialistische Wachstum schon irgendwie weiter; nörgelnde Kritiker verduften früher oder später mit oder ohne devisenträchtigen Häftlingsfreikauf aus dem Stasiknast gen Westen. Eigentlich war 1977 schon alles zu verkaufen – Menschen sowieso.

Ich gönne den Untertanen von einst und Untertanen von heute das Vergnügen, über die Riesenzwerge von damals zu lachen, während sie die Verantwortung fürs politische Geschehen – die fürs ökonomische zumal –  den modernen Riesenzwergen überlassen. 1981 habe ich mich geweigert, das Erfolgsstück zu inszenieren, dem Intendanten angeboten, drei Monate unbezahlten Urlaub zu nehmen. Ich wollte Texte schreiben, die in der DäDäÄrr nie veröffentlicht worden wären. Meine Texte interessieren – anders als “Ein irrer Duft von frischem Heu” –  immer noch winzige Minoritäten. Trotzdem weigere ich mich, der Volksbelustigung um der daraus resultierenden Einnahmen willen meine Zeit zu opfern. Der Waffenhandel – der mit Kalaschnikows, der mit Minen, der mit Raketen, der mit Feindbildern – funktioniert zu gut. Weder der irre Duft von frischem Heu noch die Farbe des Geldes können mich betäuben. Manchmal, wenn ich wie in der DäDäÄrr sehr verzweifelt bin, betäube ich mich mit Alkohol. Aber das hilft nur zeitweise. Dann ist der Gestank von Macht und deutschem Untertanengeist wieder da.

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