Keine Landung auf Planet Singapur


Wappen von Singapur

Zur Jahrtausendwende reiste ich nach Singapur. Der Stadtstaat erschien mir schon damals modellhaft für den Aufstieg Südostasiens an die Spitze der globalen Wirtschaft. Seither lernen die chinesischen Megacities von Hongkong über Shanghai bis Peking, wie man mit diesem Modell nachhaltig Erfolg haben kann, ohne den Westen zu kopieren. Dass vor allem die deutschen Medien jede Chance versäumt haben, Vorzüge einer demokratischen Kultur auf diesem „Planeten“ sichtbar zu machen, dass sie einfach den Provinzmief der Anstalten versendeten, als sei überall Berlin-Pankow, war und ist mit dem Blick auf China bedrückend. Während der Olympischen Spiele von Sydney 2000 entstand der folgende Artikel – er blieb unveröffentlicht, weil ich damals DW-tv verlassen hatte und nicht den Eindruck erwecken wollte, alte Rechnungen begleichen zu müssen. Der Deutschen Welle geht es heute schlechter als je.

Singapur ist eine kosmopolitische Freiluftsauna mit Kühlbehältern für menschliche Bedürfnisse. Deren wichtigste sind hier Kaufen und Verkaufen. Deshalb gibt es unzählige riesengroße shopping malls in und zwischen den Sockelgeschossen der Hochhäuser. Sie sind mehr oder weniger luxuriös, aber der Zugereiste kann sich nicht vorstellen, dass irgendwo auf der Welt irgendetwas produziert und hier nicht gehandelt würde. Die Ströme von Waren und Informationen werden so augenfällig von den oberen Etagen aus gelenkt und in den unteren auf feinste Kapillaren verteilt, dass das Design der weltweiten Netze aus Daten und Produkten zum Design der Stadt wird: wir sind im 21. Jahrhundert. Singapur könnte von den Medien für die Medien erfunden sein – ein „Projekt Zukunft“, das sich in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Kultur entwickelt und sofort glänzend präsentiert: jung, dynamisch, mit anscheinend unerschütterlichem Selbstvertrauen.
Wer durch die Straßen geht – also durch Einkaufsmeilen – schätzt das Durchschnittsalter der Bevölkerung auf Mitte 20, nur die Touristen heben es auf über 30, die älteren Einwohner arbeiten vielleicht die meiste Zeit für die Ausländer und sind deshalb unsichtbar. Fremde werden so freundlich und aufmerksam behandelt, als ob alle Singapurer gleichermaßen an der Vermarktung ihrer Heimat interessiert wären – der Deutsche sieht es mit Erstaunen. Und die Singapurer sind offenbar neugierig.
Es gibt ein Fernsehprogramm mit reichem Kulturangebot: ArtsCentral. Asiatische Vielfalt lässt die Macher nie darum verlegen werden, mit welchem „teaser“ sie Zuschauer zu den Sendungen der nächsten Tage locken können. Obendrein gibt es ausführlich besprochene internationale Gastspiele, z.B. das des Nederlandske Danse Theatre. Die ganze Aufführung einer Choreografie von Hans van Manen ist zu sehen, filmisch vortrefflich umgesetzt. Im Programm des „Channel NewsAsia“ läuft ein Wissenschaftsmagazin mit dem lakonischen Titel „W3“, sehr unterhaltsam und mit Themen aus Medizin, High-Tech und Natur abwechslungsreich gestaltet. Die Nachrichten aus Politik und Wirtschaft sind – selbstverständlich – international, vermitteln aber zugleich dem Fremdling anschaulich und gut verständlich asiatische Konflikte und Interessen. Natürlich gibt es auch Programme in Mandarin und Indonesisch vor denen sein Verständnis kapituliert, aber der entscheidende Eindruck bleibt: Singapur ist im Informationszeitalter mit seinem Medienangebot für die ganze Welt amerikanischen Kanälen weit überlegen und beruft sich zu Recht auf das Vorbild der BBC.
Und das deutsche Auslandsfernsehen?
Natürlich verbringt kein Reisender aus Deutschland seine Abende in Südostasien mit dem Beobachten des Programmes von DW-tv. Aber auch bei gelegentlichem Konsum erstaunt, wie hinter dem Slogan „Aus der Mitte Europas“ dann wenig Selbstbewusstsein zum Vorschein kommt und wie andererseits deutsche Quengeleien und Befindlichkeiten ausgebreitet werden, die für ausländische Zuschauer unverständlich bleiben und sie langweilen, selbst wenn sie sich für Deutschland interessieren. Zehn Jahre deutsche Einheit – das wäre ein guter Zeitpunkt solchem Interesse enntgegenzukommen. Was aber soll ein interessierter Malaysier, Japaner oder Indonesier davon halten, wenn in einer Sendung („Germany Today“) eine ehemalige Olympiasiegerin beklagt, dass das System des DDR-Leistungssports abgeschafft (Was war das für ein System?) und dessen Leumund zu Unrecht beschädigt worden sei (Wieso und in welcher Weise?), und das es deshalb womöglich in Sydney weniger deutsche Goldmedaillen gegeben habe.
Tags darauf erfährt der Zuschauer in einem Interview im „Journal“, dass es mit der Deutschen Vereinigung nur langsam vorangeht, weil ein Teil der Bevölkerung im Osten Probleme mit der Demokratie hat, weshalb Stasiakten noch 20 bis 30 Jahre geöffnet bleiben sollen. Dass das alles irgendwie zusammenhängt, erfährt der Zuschauer gar nicht, stattdessen, dass der interviewte Aktenfachmann noch nach einer neuen Beschäftigung sucht.
Joachim Gauck ist ein großer Mann und die deutsche Einheit ein kompliziertes Problem, eben darum sollte sein Reden Menschen z.B. in Singapur mit einem eindrücklichen filmischen Kontext geliefert werden. Dann verstünde er vielleicht auch das System des DDR-Sports und gönnte der abgetretenen Olympiasiegerin samt ihren Trainern und Funktionären einen langen Ruhestand.
Aber hier zeigt sich – sei es auch nur an symptomatischen Splittern – jene Unentschlossenheit, mit der DW-tv seit Jahren nicht fertig wird: Ist es für Deutsche im Ausland oder die Internationale Öffentlichkeit da?
Dieser Spagat zerreißt den Sender nach dem finanziellen Aderlass durch den Staatsminister Naumann erst recht. Er hat die Mitarbeiter über Jahre verunsichert und zu allerlei wenig erfolgreichen Wendungen in der Programmpolitik geführt. DW- tv wurde – wie die ganze Deutsche Welle – schließlich der Prügelknabe für parteipolitische Auseinandersetzungen. Keines der beiden Ziele wurde erreicht: Als Programm für die internationale Öffentlichkeit käme 3sat dem in Singapur zu sehenden Angebot nahe. Es ware nur eine englische Version mit internationaler Akzentuierung zu erarbeiten. Und für die Deutschen im Ausland?
Nicht jeder mag 3sat. DW-tv könnte, käme es aus den unsäglichen politischen Klüngeleien heraus, gewönne es endlich ein eigenes, unverwechselbares und selbstbewusstes Gesicht, das sich von den ja auch politisch gefärbten Programmen der öffentlich-rechtlichen Anstalten und der Banalität der Privaten unterschiede, viel leisten – auch für die deutsche Sprache im Ausland. Doch sind solche Überlegungen womöglich obsolet.
Wer den „Planeten Singapur“ und die Selbstverständlichkeit erlebt, mit der hier die internationalen Netze der Medien und Märkte geknüpft, das Tempo, mit dem Entwicklungen (deutsche zumal) aufgenommen werden, und den Einfallsreichtum, mit dem man sie präsentiert, der wundert sich: der Rhytmus deutscher Gremien, die über die Zukunft der DW entscheiden, kommt ihm sehr, sehr umständlich und sehr, sehr altertümlich vor: wie von einem anderen Stern.

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