Besuch am Übergang


Krieg, Seuche: Menschenwerk

Wenn es Zeit ist, kommt der Gevatter
Lupft den Zylinder und sagt: „Grüß Gott!
Habe die Ehre, Herr Wichtigmann,
wir treten jetzt eine Reise an“.
Du bist nicht sicher – ist es wirklich die letzte?
Meint der mich, und bin ich heute schon dran?
Du schaust zum Kalender – die Seiten sind leer
Und deine Jaeger-Le Coultre tickt nicht mehr.
Das könnte dran liegen, dass sie als Plagiat
Aus Fernost ihre Zukunft schon hinter sich hat.
„Moment mal“, fragst du den knochigen Gast,
„kann es sein, dass du’s etwas zu eilig hast?
Da sind ein paar Dinge, die sind mir wichtig
Die muss ich noch tun“. „Ja“, sagt der Tod, „das ist richtig.
Du musst dich noch fragen, wozu du gelebt
und wieviel Schuld auf deiner Seele klebt“.
Sollst du nun lachen oder angstvoll erschauern?
Du bist dir gar keiner Schuld bewusst.
Was du tatest, hast du meistens gemusst.
Also sagst du: „Sehr geehrter Herr Tod
Mein Handeln war Dienst, ich hab nichts zu bedauern
Wenn ich was verbrach, tat ich’s nur aus der Not“.
„Klar“, nölt das Gerippe, „die klassische Nummer
wen man bricht oder abmurkst, der ist selber schuld.
So Typen wie dir macht das keinerlei Kummer
Und ich hab mit euch eine Engelsgeduld.
Denn ihr sorgt dafür, dass die Mühlen mahlen
Und andere für euch mit dem Leben bezahlen“.
„Das geht mir nun wirklich zu weit mein Herr
ich habe nie jemand umgebracht
oder gefoltert oder sonstwas gemacht“.
„Drum eben“, lächelt das Knochengesicht,
„bist du mir so besonders wichtig.
Leute wie du machen alles richtig.
Sie setzen wie du, lieber Wichtigmann
Immer den passenden Hebel an.
Ihr seid in meinen Personendaten
Der allersicherste Kernbestand.
Viel sicherer als Kriege und Greueltaten
Wir sind uns wahrhaft seelenverwandt.
Leise zerstört ihr viel Lebenszeit
Wie Krebs im Gewebe, so macht ihr euch breit.
Gut bewaffnet mit harten Zahlen
Vertreibt ihr global mein Geschäftsmodell
Kaufhäuser sind unsere Kathedralen
Wir drehn an den Börsen das Geldkarussell.
Auch du mein wackerer Wichtigmann
Treibst am Computer die Kontrollitis voran.
Du steuerst chinesische Maschinen
Und hilfst uns am Kap, in Rio und hier
Noch im letzten Weltwinkel Geld zu verdienen
An Sonne und Wasser, an Pflanze und Tier.
Du hilfst zu rechnen, in Raster zu fassen
Zellen, Atome, die Wurzeln der Welt
So können wir alles verwerten lassen,
Das Universum erlösen mit Geld.“
„Ich verstehe gar nichts von so großen Geschäften
Ich war immer nur angestellt
Versorgte die Meinen nach besten Kräften
Ein Rädchen, das sich wie alle andern verhält.“
Die Fratze lauscht deinen Worten nach
Nickt, grinst ihr Grinsen, flüstert ganz leise: „Ach
Es klingt so heiter dein Lied mir im Ohr
Die schönste Stimme im Mitläuferchor.
Nun noch den Refrain: ‚hätt ich’s nicht getan
Der Nächste steht, mich zu ersetzen, längst an.’
Tatsächlich ist es jetzt Zeit für Ersatz
Das Rädchen wird klapprig, es räume den Platz.“
„Mein bester Herr Tod“, hast du einzuwenden,
„Für Frau und Kinder bin ich noch vonnöten.
Sie brauchen mich, du darfst mich nicht töten.
Die Tochter soll erst noch das Studium beenden.“
Jetzt lacht der Gevatter ein herzliches Lachen
„Das kann sie viel besser, wenn’s dich nicht mehr gibt.
Da deine Erben den Reibach machen
Wirst du mehr tot als lebendig geliebt.
Du hast sie alle vollkommen versichert
Gegen Angst und Schrecken und jede Gefahr
Selbst Cousins und Cousinen werden verdienen
Wenn ich dich mitnehm, das ist dir doch klar.“
„Sie werden leiden, trauern und klagen.“
„Wichtigmann, du weißt selbst: das hat nichts zu sagen:
Ein Sozialritual, es heilet die Seele
Dass niemand deinetwegen zu Tode sich quäle.
Noch nie hat sich jemand ins Jenseits geklagt.
Lies die Statistik. Mit Geld wird der Kummer verjagt.
Je dicker das Konto, desto besser bewehrt
gegen Nöte: so hast du’s die Kinder gelehrt.
Nun Kopf hoch, mein Freund, die Sense ist scharf
Kein Trotz und Geschrei, wenn ich bitten darf.
Als Rädchen folg dem Mechanikerbrauch:
‚Was andere können, das kannst du auch!’“
Es saust die Sense, die knochigen Arme
Schwingen nach vorn: „Dass Gott sich erbarme!“
Kannst du noch schreien, dann bist du wach.
Dein Hauptabteilungsleiter sagt: „Guten Tach
Wünsche wohl zu ruhen, Herr Wichtigmann
Gelobt sei, wer den Büroschlaf ersann.
Nun sei’n Sie hübsch fleißig, ich wüsste zu gern —
Wenn sie so wollen ‚im Namen des Herrn’—
Was über Ihre Barmherzigkeit.
Für etliche Leute ist es soweit:
Wer Fehler macht und kostet zuviel
Den setzen Sie frei, das ist unser Ziel.“
Spricht es, winkt dir „Habe die Ehre!“
Und hinterlässt eine ziemliche Leere.
Du sitzt vorm Computer und fragst dich erschrocken
Ob sie nicht dir längst im Nacken hocken.
War nicht dieser Alptraum der letzte Alarm?
Du bist noch nicht tot, aber bald vielleicht arm.
Da soll doch der Teufel barmherzig sein
Du sitzt noch am Hebel, du bist nicht allein
Was andere können, kannst du auch
Nun mach schon, sonst stehst du bald selbst auf dem Schlauch.
Die Raster her, die Tabellen, nur munter
Wer nicht funktioniert, der geht eben unter.
Das mit dem Tod —Gott sei Dank nur ein Traum.
Wär’ nur nicht diese komische Leere im Raum …

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5 Antworten zu “Besuch am Übergang

  1. Wie konnte das bisher bloß kommentarlos untergehen? Liest hier niemand? Dieser, ich sag mal, rhythmische Text ist tragisch, komisch, entlarvend.

  2. Ist eher ein etwas altmodischer Spaß à la Schiller. Aber dem Ludwigsburger mag sowas gefallen ;-). Ich bestell mir, neugierig geworden, nächstens ein Exemplar von „Gestorben wird später“. Bin bis Mitte März unterwegs, danach dann ….

  3. Ich wusste doch, den Ton kenn‘ ich 🙂 Schiller, klar. Hat unweit von mir mal gewohnt. Altmodisch finde ich es nicht. Auch heutztage darf sich noch etwas reimen. Viel Spaß beim Unterwegssein …

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